PFÖRTNERHAUS

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Michael Herrmann| Pförtnerhaus 2005

 

"Der Aufbau der Metallelemente war das Aufwändigste und streckenweise dem eines Kartenhauses nicht unähnlich – erst wenn alles steht, hält es sich selbst. Christian fragte mich, ob ich nicht dabei helfen könne. Wenn man Zeit hat, greift man den Freunden unter die Arme, außerdem mochte ich das Projekt – so kam ich zum Aufbau und für die folgenden Ausstellungen auch gleich zu dem Job hinter dem Ausschank.

Mit ein paar einzementierten Holzbalken auf dem schiefen Gehweg hatten wir bald einen brauchbaren Boden, worauf sich der Bausatz für das Häuschen zusammenstecken ließ; ein Dach war ja vorhan­den, und jemand bohrte für die Stromversorgung noch ein Loch in die Wand. Am selben Abend stand das PFÖRTNERHAUS im Durch­gang, fast so, als hätte es vorher dort gefehlt.

An sich ist dieser Durchgang einer von vielen Orten im städtischen Niemandsland, und seine Anwesenheit lädt auch nicht wirklich zum Verweilen ein. Aber den Tunneldurchgang als passende „Pforte“ zum PFÖRTNERHAUS zurückzuerobern und zu beeinflussen konnte herausfordernder kaum sein: Wo man tagtäglich unbehelligt durch­ging, war man nun angehalten, ein Ritual in der Art zu vollführen, wie es etwa nach 20 Uhr mit dem Busfahrer, einem Türsteher oder anderen Personen, die „sensiblen“ Räumen vorstehen und ihren Eingang kontrollieren, zustande kommt, sei es das gewohnheitsmäßige Bestätigen mittels gegenseitigen Abnickens oder aber ein Herantreten und intensives Auseinandersetzen.

 

   

Nun ja, Erinnerungen eines Pförtners gibt es wohl seit es Ein- und Ausgänge gibt. Meist sind sie angefüllt mit dem ewigen Gleichmut sich dahinziehender Stunden und gespickt mit jenen kurzen Mo­menten der Begegnung – Erinnerungen, verbannt auf den engen Raum einer Schwelle, an denen Geschichten ihre Anfänge, einzelnen Episoden und Enden finden. Die Eröffnungen kamen stets wie ein kleiner Umzug daher, denn die „Einrichtung“ musste jedes Mal vorgefahren werden.

 

Das beschränkte uns glücklicherweise auf das Notwendigste: eine bequeme Couch samt Tisch als Sitzgelegenheit – etwas abseits stand zwar reichlich solide, gusseiserne Stadtbestuhlung, die blieb bis auf zwei, drei Stühle jedoch an ihrem Platz, ein paar Stehtische eine Tresenplatte auf Böcken und ein paar Kästen Getränke, das war auch fast schon alles. Wenn es auch immer ein Dach gab, fehlten doch zwei Wände, die bei ungemütlichem Wetter die geschützten Ecken vermissen ließen – besonders zum Winter hin war ein Zusammenrücken bei Glühwein unter den geliehenen Heiz­strahlern unvermeidlich.

Zwischen öffentlicher Runde, gemütlichem Streetworking und pri­vatem Straßenfest die Waage haltend, nahmen die acht Veranstal-tungen dann eine Hälfte des Durchgangs in Beschlag – so oder ähn­lich war es den Anwohnern und Passanten vielleicht erschienen, jedenfalls rief es verschiedene Reaktionen hervor. Echtes Inter-esse – zum Beispiel am Geschäft – bekundete ein ansässiges Café und lieferte einmal Glühwein, da wir dort oft die Toilette benutzten; ein Imbissbudenbesitzer gesellte sich mit seinem fahrbaren Stand zu uns, leider ebenfalls einmalig, obwohl er alle Bratwürste loswurde; die Nachbarn wurden neugierig, kamen hinzu oder hielten gar eine kurze Rede zur Eröffnung, andere blieben verstört oder beschwerten sich aus fraglichen Beweggründen. Die meisten Leute aber gingen einfach vorbei. Der Durchgang blieb ein Durchgang, und er blieb es selbst nach halbseitiger Blockierung. Da diese jedoch keine Staus verursachte, musste auf spontanes Interesse weitgehend verzichtet werden.

 

   

Zu den Eröffnungen kam, wer von vornherein auch kommen wollte, und so trafen sich, draußen, vor den Ausstellungsfenstern, Künst­ler, Bekannte, Freunde und andere Kunstinteressierte. Altbekann­tes gelang auch dort jedes Mal neu, bis in späte Stunden hinein und bei jedem Wetter. Drinnen gab es fast jeden zweiten Monat Arbeiten zu sehen, denen der enge Raum mehr oder minder auch zu Klarheit und Konzentriertheit in Aussage und Form verhalf, was dem Betrachter in jedem Fall entgegenkam. So unterschieden sich die einzelnen Arbeiten hauptsächlich durch die räumliche Trennung und wie sie dem Wahrnehmungsverhalten eines einfachen Fußgän­gers begegneten, der an diesem Ort eigentlich nichts Interessan­tes erwartete.

 

Etwa ein heimelig durch die Luft schunkelndes Chanson, zu dessen Klang man hinter schmalen Schießscharten auf einen Zeltplatzalltag voller Auseinandersetzungen schauen kann, oder die unauf­dringlich nüchterne Offenbarung einer heute alltäglichen und doch revolutionären Tatsache: „Wir haben Elektrizität“ − eine massige, überdimensionale Transportkiste aus rauem Sperrholz, die einen inhaltlich fernen Fensterblick in eine vergilbte Vergangenheit offen hält. Eine Künstlerin, die sich ins verdunkelte Innen zurückzieht und zwei Wochen lang an den abgeklebten Fensterflächen nach und nach ein Bild freischabt in die lichte Verlegenheit des Bei-der-Arbeit-gesehen-Werdens. Eine andere Künstlerin, die die Menschen zu einem gemeinsamen Plausch vor Ort bei Kostü-mierung und Fotoshooting einlädt. Des Weiteren eine absurde Verbindung indianischer Spann-Fallen-Technik mit dem Bewahren und Beschützen vergänglicher Schönheit, in die bedrohlich ge­spannten Wände eines musealen Schaukastens verdichtet.

 

  

Eine indonesische Einladung zur Auseinander- setzung mit der gesell­schaftspolitischen Realität, deren einschneidender Interaktions-me­chanismus an der Seitenwand des PFÖRTNERHAUSES als Signum erhalten blieb. Und zum Jahresabschluss eine Umsetzung histo-rischer Bedeutungen von Pförtner, Pforte und Übergang in ein klares Bild der Passage. Was bleibt neben den Erinnerungen? Von den zahllosen ungese­henen Reaktionen in unserer Abwesenheit störte glücklicherweise nur ein kaputtes Fenster.

 

 Ansonsten hoffentlich das PFÖRTNER­HAUS selbst, ob auch weiterhin als mobile Einrichtung und Experi-mentierfeld für öffentliche Kleinstausstellungen wird sich zeigen – bewährt hat es sich in den Jahren allemal. Die Tage des Übergangs jedenfalls, als man an einer leer kauernden Hülle vorbei durch den nackten Durchgang lief, konnte man gut von jenen während der Ausstellungen unterscheiden, als das eigenartig lockende Häuschen den Vorbeikommenden mit auf den Weg gab: Dies ist ein Haus − kein gewöhnliches, aber doch irgendwie bewohnt. Im Nachhinein wird es wohl bemerkenswert erscheinen, dass an einem solchen „funktionalen“ Ort der Stadt vorher nichts zu fehlen schien."       Michael Herrmann, 2006

 

 

   

Das PFÖRTNERHAUS

"Ein Ausstellungsprojekt aus Dresden"

Susanne Altmann

"Modell mobile Pförtner"

Michael Herrmann

"Pförtnerhaus 2005"

LANDUNTER

VERHEISSUNG

VERUNKLÄRUNG

FACE IT

UWES SEELE

AT HOME

INTENSIVSTATION

MEDIALE FÜRSORGE

IM EXIL

SCHLEUSE

ÜBERDACHT

UNTERHALB DER GRASNARBE

WIR HABEN ELEKTRIZITÄT

THE PRESENT PAST

START FROM SCRATCH - GET INTO SCRAPES

DARÜBER REDEN WIR NOCH

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JANITOR - PFÖRTNERIN

NICHT GANZ VON DIESER WELT

UNTER UMSTÄNDEN VERSTRICKUNG